Foto von Erin Stoneman

EINE GEBURT ZU HAUSE

Wenn sich der Geburtstermin nähert, rückt die Frage, wo das Kind geboren werden soll, immer näher in den Vordergrund. Die Norm ist heute in einem Spital zu gebären. Für einige werdende Mütter jedoch kommt dies nicht in Frage und sie entscheiden sich für eine Geburt in den eigenen vier Wänden – eine Hausgeburt.

Eine Geburt ausserhalb eines Spitales hat den Ruf zu gefährlich sein, weil keine Ärzte vor Ort sind. Ein bis zwei Generationen vor uns waren Geburten zu Hause aber gang und gäbe.


Vivi Scolari* hat ihre Tochter zu Hause zur Welt gebracht. Für sie war es von Anfang an klar. In einem Interview mit dem MOM MAG erzählt sie von ihrer Entscheidung und ihrer Hausgeburt:

WAS HAT DICH ZUR HAUSGEBURT BEWEGT?

Es war für mich von Anfang an klar, dass ich eine Hausgeburt haben möchte. Ich bin selbst zu Hause zur Welt gekommen und hatte dadurch das Vertrauen, dass ich das auch kann.

WIE KANN MAN SICH EINE HAUSGEBURT VORSTELLEN?

Du bist zu Hause mit ein bis zwei Hebammen und jenen Personen, die du dir als Begleiter für die Geburt ausgesucht hast. Ungestört, nicht unter Druck gesetzt, alles kann seinen natürlichen Lauf nehmen. Kein Schichtwechsel für die Hebamme, keine fremden Personen.

Nach der Geburt kannst du dich mit deinem Kind und dem Partner ins Bett verkriechen und bist da, wo du dich am wohlsten fühlst – zu Hause.

WELCHE VORBEREITUNGEN GIBT ES FÜR EINE HAUSGEBURT?

Als erstes muss eine Hebamme gefunden werden, die Hausgeburten durchführt. In der Regel bringt sie auch alles mit, was sie für die Geburt benötigt. Mein Mann hat für die Geburt in der Wohnung Platz gemacht für den Birth-Pool und wir haben alles für das Baby sowie das Frühwochenbett vorbereitet. Wir haben noch den Nachbarn Bescheid gegeben, aber viel aufwendiger als eine Spitalgeburt war es nicht.

GAB ES VOR UND WÄHREND DER GEBURT MOMENTE DER VERUNSICHERUNG?

Etwa einen Monat vor der Geburt hatte ich Unsicherheiten. Durch meine Ausbildung zur Hebamme musste ich mich im Studium intensiv mit den Pathologien und geburtshilflichen Notfällen befassen. Ich spürte dabei, dass ich mich abgrenzen muss und mir das nicht gut tat.

Ich konzentrierte mich mehr auf meinem Körper und auf meine Tochter. Dabei habe ich viel körperliche Geburtsvorbereitung (Körperarbeit) betrieben und eine enge Beziehung mit meiner Tochter im Bauch aufgebaut. Ich gewann ein tiefes Vertrauen in meinen Körper und lernte mich auf mein Urvertrauen zu verlassen. So hatte ich während der Geburt auch keine Zweifel oder Unsicherheiten mehr.

WIE HAT SICH DAS «URVERTRAUEN» GEÄUSSERT?

Ich hatte Vertrauen in mich als Frau und in meinen Körper. Meine Philosophie ist, dass jeder Mensch mit jeder Zelle seines Körpers sich an seine eigene Geburt erinnern kann. Die Schwangerschaftskontrollen bei meiner Hebamme, die sehr motivierend und bestärkend gestaltet wurden, gaben mir zusätzliche Sicherheit in das Spüren meines Körpers und meines Kindes. Ich habe gelernt auf mein Körpergefühl zu hören und zu fühlen, wenn etwas nicht in Ordnung wäre. Durch das Körperbewusstsein konnte ich meiner Intuition und dem Urvertrauen freiem Lauf lassen.

WAS WAR DAS SCHÖNSTE AN DEINER GEBURT?

Die ganze Geburt war für mich ein wunderschönes und perfektes Ereignis. Aber es gab einige Momente, die für mich ganz besonders waren.

Der erste war, als ich in der Nacht allein war und Wehen bekam. Es ging los und ich wollte in dieser Anfangsphase nur mit meiner Tochter sein, weckte meinen Mann deshalb nicht und genoss diese unglaublich tiefe Verbindung zu meinem Kind. Ich wusste einfach, dass meine Geburt schön und intensiv sein würde. Ich sagte ihr nochmals, dass die nächsten Stunden anstrengend sein werden. Danach würden wir uns aber in den Armen liegen. Ich war unglaublich freudig und aufgeregt.

Die Ruhe zu Beginn der Geburt.
Illustration: Anastasja Górnacki

Ein anderer Moment war, als ich nach vielen Stunden Wehen in den aufgeblasenen Pool in unserem Wohnzimmer gestiegen bin. Das war zwei Stunden bevor meine Tochter da war. Ich spürte wie sehr mein Körper, meine Hormone, meine Tochter, mein Muttermund, mein Becken alles zusammenarbeitete. Alles hat gestimmt. Es ist so überwältigend, wenn ich daran zurückdenke. Es war alles perfekt.

Das Schönste war aber, dass ich meine Tochter ganz selbst gebären konnte. Als das Köpfchen meiner Tochter schon da war, hatte ich die Hand schon da und habe sie dann als der Körper folgte direkt auf meine Brust genommen. Der Moment war für mich wirklich, wirklich magisch.

Eine Geburt im Spital wäre sicher auch möglich gewesen. Jedoch bin ich mir sicher, dass sie für mein Empfinden nicht so schön gewesen wäre, wie ich sie daheim erlebt habe. Ich konnte zuhause komplett bestimmen was ich tun will und wie wir die Geburt gestalten, meine Hebammen haben mich in meinem Willen und ohne Zeitdruck unterstütz.

WIE WAR DEIN BILD FRÜHER VON GEBURTEN?

Geburten waren für mich schon immer etwas Schönes und Intensives. Obwohl ich als angehende Hebamme während meiner Ausbildung auch schwanger einige Geburten im Spital begleitet habe, konnte ich mich mit keiner davon identifizieren. Das System im Spital und die Pathologisierung entsprachen mir nicht. Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich eine Hausgeburt haben möchte, dies war aber auch ein Grund weshalb meine Tochter zu Hause zur Welt kam.

WIE HAT SICH DAS BILD NACH DEINER GEBURT VERÄNDERT?

Die Geburt ist das Schönste und Wundervollste, das ich bisher in meinem Leben erfahren durfte. Es hat mir auch bestätigt, dass Gebären auch ohne Einflüsse wie Schmerzmittel oder Wehenmittel möglich ist. Es hat mir gezeigt, von welch grosser Bedeutung Atmosphäre, Intuition, Licht und Temperatur sind. Es hat mir gezeigt, dass es einen grossen Einfluss auf die Geburt haben kann, wenn ich ihr freien Lauf lasse.

HAST DU UNEINIGKEITEN MIT MENSCHEN, DIE MEINTEN, EINE HAUSGEBURT SEI ZU RISKANT?

Ja, aber ich habe aufgehört darüber zu diskutieren.

Bei jeder Geburt kann etwas passieren – Haus- und Spitalgeburten kann man nicht vergleichen. Ich habe jedoch mit meiner Hebamme besprochen, welche Risiken es gibt und wie dann gehandelt wird. Im Spital kann dasselbe passieren, vor der Geburt wird aber nicht über die möglichen Risiken gesprochen. Jede Gebärende trägt die Verantwortung für ihre Geburt und mir war bewusst, was ich tat.

WAS MÖCHTEST DU FRAUEN SAGEN, DIE GERNE EINE HAUSGEBURT HÄTTEN, SICH DAS ABER NICHT ZUTRAUEN?

Eine Hausgeburt kommt nicht für jede Frau in Frage. Es dürfen keine Vorerkrankungen oder Risikoschwangerschaften vorliegen.
Ist aber alles in Ordnung, ist es wichtig Vertrauen zu sich und seinem Körper zu haben. Um sich für eine Hausgeburt vorzubereiten muss du dich mit deinem Körper befassen. Ich habe während meiner Schwangerschaft viel körperliche Geburtsvorbereitung gemacht (Körperarbeit). Eine Hebamme, der volles Vertrauen geschenkt werden kann und ohne Druck auszuüben, beratet, ist auch von Bedeutung. Ausschlaggebend ist aber, dass du mit jeder Zelle des Körpers eine Hausgeburt willst und weisst, dass du dazu fähig bist.

WAS MÖCHTEST DU MENSCHEN SAGEN, DIE HAUSGEBURTEN GEGENÜBER KRITISCH GESTIMMT SIND?

Heute wird vorwiegen in Spitälern geboren, weil das in der Gesellschaft als normal angesehen wird. Bitte urteilt nicht. Jeder Mutter ist es selbst überlassen, wie sie gebärt. Wir sind nicht verrückt – wir wissen was wir tun. Letztendlich brachte mir diese Entscheidung die schönste Geburt, die ich mir hätte vorstellen können und bin sehr dankbar dafür.

Vivi Scolari*

Während ihres Fachhochschul-Studiums zur Hebamme wurde sie mit 24 Jahren Mutter. Sie verbringt gerne Zeit mit ihrer Tochter Cosima in der Natur.

*Name wurde von der Redaktion geändert